Kontakt
3 Monate testen

Die Freiheit der Anonymität

Jul 28, 2021
2 Min.
Eine kürzlich durch das bekannte Model Katie Price ins Leben gerufene Petition hat eine Diskussion um Datenschutz und Identitätsnachweise ins Rollen gebracht – ein Themenbereich, der Gesetzgeber und Social-Media-Riesen gleichermassen vor schwierige Aufgaben stellt.
Gavin Holzman

Katie Price ist nur eine von vielen Influencern und Influencerinnen, die in einem Identitätsdilemma stecken. Diese Influencer, seien es Schauspielerinnen, Sportstars oder modebegeisterte Teenager, ringen einerseits verzweifelt um den Schutz ihrer Privatsphäre, streben aber andererseits nach Ruhm, Geld und Followern auf den sozialen Medien. Bislang ist es niemandem gelungen, ein vernünftiges Gleichgewicht zu finden.

Die Ereignisse, die der Petition vorangingen, sorgten weltweit für Schlagzeilen und betreffen ein noch wesentlich dringlicheres gesellschaftliches Problem: den Rassismus. Gerade auf den Plattformen sozialer Medien greift dieser auf abstossende Weise um sich, und ironischerweise sind es gerade diese rassistischen Beleidigungen, die für eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit und damit stärkere Verbreitung der Anti-Rassismus-Botschaft sorgen. Die kosmopolitische Gesellschaft von heute bietet keinerlei Raum für Rassismus oder Diskriminierung. Wenn aber drei englische Nationalhelden, die in einem Stadion im Land ihre Nation vertreten, oder ein siebenfacher Formel-Eins-Champion rassistisch angegangen werden, schlägt das Problem schnell hohe Wellen und wird von den Menschen verschärft wahrgenommen.

Dabei geht es um mehrere grundlegende Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten. Die sozialen Medien sitzen in einer Zwickmühle zwischen einer zunehmend aktiven Generation «woke» und dem eigenen Profitstreben. Die Meinungsfreiheit und das Recht, sich öffentlich zu äussern, sind unantastbar. Wie aber soll ein Social-Media-Unternehmen mit über seine Plattform verbreiteten Meinungen umgehen, die andere verletzen? An welchem Punkt kann oder sollte aufgrund einer Meinungsäusserung die Anonymität in sozialen Medien beschnitten werden?

Die Petition verfolgt gute Absichten: Sie ruft dazu auf, dass persönliche Accounts auf sozialen Medien wie Facebook und Twitter mit einem verifizierbaren Identitätsnachweis verknüpft werden, damit im Falle von gesellschaftsfeindlicher Hassrhetorik gegen Einzelpersonen die Schuldigen schnell ermittelt werden können. Die Technologie zur Identitätsprüfung, die für derartige Bestrebungen erforderlich wäre, existiert bereits. Die wahre Frage aber liegt darin, wie und ab wann Social-Media-Unternehmen sie einsetzen sollten. Der britische Premierminister Boris Johnson wagte sich in die Debatte und lieferte sich Wortgefechte mit allen Plattformen, von denen er verlangte, dass sie ihre Anstrengungen verstärken.

Es wird aber auch folgender interessanter Standpunkt vertreten: Die Art und Weise wie das Nutzerverhalten und die demographische Einordnung durch die Social-Media-Riesen verwaltet und bewertet wird, ist letztlich ein Resultat der enormen Datenmengen und geschäftlich verwertbaren Informationen, die sie ohnehin für jeden einzelnen Nutzer ansammeln. Daher handle es sich eher um eine Frage der Datenweitergabe als der Identitätsprüfung, und die Erkennung von Trolls und Rassisten sei problemlos möglich, selbst wenn Personen beim Erstellen ihres Accounts die eigenen Angaben nicht verifiziert haben.

Die Frage müsse also nicht lauten, was und wer in seiner Privatsphäre geschützt bleiben soll, sondern unter welchen Umständen dies der Fall sein soll.

Die Petition wurde bereits mehr als 600’000-mal unterzeichnet; als Reaktion soll Twitter eigenen Angaben zufolge über 1’000 Posts gesperrt haben.

Letztlich aber gebührt jedem Lob, der sich gegen rassistisches Verhalten stellt, da auch die kleinste Stimme einen Unterschied machen kann. Die Gesellschaft profitiert vom Gedanken- und Meinungsaustausch. Die eigene Identität wirkt hier häufig als Katalysator, ganz gleich, wie viel oder wenig Zuspruch eine Meinung findet. Der Brennpunkt der Debatte aber ist und bleibt das Mass an Transparenz bei der Meinungsäusserung. Wenn wir unsere digitale Identität als Megafon nutzen, um eine ideologische Botschaft zu verbreiten, werden sich stets Menschen finden, die auf mehr Transparenz in Bezug auf diese Identität plädieren. Rein oberflächlich betrachtet scheint eine solche Transparenz eine gute Idee zu sein, doch: Menschen ändern sich, Regierungen wechseln, und ein solcher Wechsel kann negative und gefährliche Folgen mit sich bringen. Was heutzutage als mehrheitsfähig und akzeptabel gilt, könnte es morgen schon nicht mehr sein. Und das Internet vergisst nie.

Es ist leicht nachvollziehbar, weshalb der Datenschutz seit jeher ein Anliegen der Internetnutzer ist. Es ist wichtig, unsere Identität vor Schaden zu schützen. Die Digitalwirtschaft investiert beträchtliche Summen in Internetsicherheit und Technologien zur Identitätsprüfung sind in vielen Bereichen weit verbreitet, aber würde der Einsatz solcher Technologien im Bereich der sozialen Medien tatsächlich eine Verhaltensänderung der Menschen bewirken?

Ähnliche Artikel