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E-Voting

Apr 8, 2021
3 Min.
Elektronische Stimmabgabe ist wirtschaftlich, leicht zugänglich und einfach. Aber ist es sicher genug, um die Demokratie zu schützen?
Sonja Spaccarotella

Von zuhause aus arbeiten. Zuhause lernen. Daheim trainieren. Von zuhause aus seine Stimme bei einer politischen Wahl abgeben? Das ist die Frage, mit der sich derzeit viele Politiker und Wähler auseinandersetzen. Das vergangene Jahr war geprägt von einer Art Massenexodus: Weite Teile der Gesellschaft haben sich aus Büros und Schulen in den privaten Bereich zurückgezogen und kommunizieren nun verstärkt über das Internet. Die Art und Weise, wie wir interagieren, Geschäfte machen und einkaufen hat sich verändert. Ist es jetzt nicht an der Zeit, auch für politische Wahlen neue Modelle zu entwickeln?

E-Voting ist keineswegs neu. In Ländern wie Estland, die mit der Digitalisierung bereits weit vorangeschritten sind, ist E-Voting seit Anfang der 2000er Jahre ein fester Bestandteil des demokratischen Prozesses. Dutzende anderer Länder – darunter die Vereinigten Staaten, die Schweiz, Frankreich und Brasilien – haben sich ebenfalls für digitalisierte Wahlverfahren entschieden. Und jetzt, inmitten einer globalen Pandemie, haben die Bürger den Wunsch, ihr Wahlrecht bequem von zuhause aus ausüben zu können.

E-Voting macht die Stimmabgabe mobiler und flexibler – und hat deshalb das Potenzial, mehr Menschen den Zugang zu den Wahlurnen zu ermöglichen. Das ist ein echtes Plus für unsere demokratischen Systeme. Doch wie immer bei digitalen Lösungen, darf der Komfort nicht auf Kosten der Sicherheit gehen. In Ländern, in denen E-Voting-Initiativen gestoppt wurden, wie zum Beispiel in Deutschland, machen sich sowohl Wähler als auch Politiker Gedanken über die konkrete Sicherheitslogistik. Sie fragen sich: Wie lassen sich Wahlbetrug und Wahlmanipulationen verhindern? Wie können wir den Wahlprozess digitalisieren und gleichzeitig sicherstellen, dass die Wahlergebnisse unanfechtbar bleiben?

Was genau ist E-Voting?

Die nicht-persönliche Stimmabgabe in Abwesenheit gibt es schon lange. Die Briefwahl ist in vielen Ländern schon seit Jahrzehnten gang und gäbe. Und dort, wo sie akzeptiert wird, hat sie den Zugang zur Wahl erleichtert und zu einer höheren Wahlbeteiligung geführt. Die elektronische Stimmabgabe hat das Potenzial, schneller, kostengünstiger und transparenter zu sein als die Briefwahl – wenn dabei alles richtig gemacht wird. Warum? Weil sie unendlich viel Papierkram einspart und das durchgehend analoge System der manuellen Stimmauszählung überflüssig macht.

Die elektronische Stimmabgabe kann entweder an elektronischen Wahlmaschinen in einem Wahllokal oder an Computern, die mit dem Internet verbunden sind, erfolgen. Bei der Stimmabgabe vor Ort mit elektronischen Wahlmaschinen ist die Identifizierung der Wähler relativ einfach. Diese müssen lediglich einen gültigen Ausweis vorlegen. Bei der Stimmabgabe im Internet gestaltet sich der Prozess der Identifizierung und Verifizierung weitaus komplexer. Und hier liegt eines der Hauptprobleme der elektronischen Stimmabgabe.

Sind die Risiken von E-Voting eine Gefahr für die Demokratie?

Die Welt erlebte, wie die US-Wahlen von einer Reihe von Politikern und Wählern angezweifelt wurden. Obwohl die Behauptungen unbegründet waren, zeigten die daraus resultierende Panik und Hysterie das mangelnde Vertrauen in das Wahlsystem auf. Es gab Betrugsvorwürfe, die sich sowohl auf die elektronischen Wahlmaschinen als auch auf die Auszählung der Briefwahlstimmen bezogen. Manche Kritiker behaupteten, dass die Wahlmaschinen die Stimmen nicht richtig gezählt hätten. Es gab Anschuldigungen, dass Verstorbene ihre Stimmen abgegeben und Personen mit Briefwahlstimmen doppelt gewählt hätten.

In Deutschland, wo E-Voting für politische Wahlen 2009 für ungesetzlich erklärt wurde, sind Ereignisse wie bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2020 ein weiterer Beweis für die Gefahren der digitalisierten Wahl. Die rechtlichen Bedenken in Deutschland beziehen sich darauf, dass die Wahlergebnisse nicht nachvollziehbar wären und die Endergebnisse daher nicht öffentlich überprüft oder gegebenenfalls nachgezählt werden könnten. Wer die Vorbehalte gegen E-Voting zerstreuen möchte, wird dieses Dilemma lösen müssen.

In Ländern wie der Schweiz, in denen E-Voting immer stärker Fuss fasst, gibt es ebenfalls sehr gegensätzliche Meinungen über die Sicherheit und Relevanz dieses Verfahrens. Wie in Deutschland argumentieren Kritiker, dass die fehlende Nachvollziehbarkeit eine Gefahr für den demokratischen Prozess darstellen würde. Die Schweizer Regierung hat sich jedoch dafür entschieden, ihre E-Voting-Initiativen voranzutreiben. Sie arbeitet mit der Schweizer Post zusammen, einer seit Langem vertrauenswürdigen und gut etablierten Institution. Dies könnte die Akzeptanz und Unterstützung für die elektronische Stimmabgabe erhöhen.

Unabhängig davon, welche Technologien und Strategien eingesetzt werden, um E-Voting voranzutreiben, ist eines unbestritten: Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit müssen gewährleistet sein. Wie können Regierungen das Vertrauen in E-Voting stärken?

Welche Hürden müssen wir aus dem Weg räumen, um das Vertrauen in E-Voting zu stärken

Ist sicheres E-Voting überhaupt möglich? Schon jetzt sorgen Kreditkartenbetrug und Identitätsdiebstahl für berechtigte Bedenken. Wie können wir sicherstellen, dass die zur Stimmabgabe berechtigte Person auch tatsächlich die Person ist, die wählt?

Die einzige Möglichkeit, das Vertrauen in die Wahlergebnisse und den demokratischen Prozess aufrechtzuerhalten, besteht darin, die höchstmöglichen Sicherheitsstandards einzuhalten. Die Implementierung von Zwei-Faktor- (2FA) oder Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) würde von den Wählern verlangen, ihre Identität mit zwei oder mehr Merkmalen zu verifizieren. Diese Faktoren können eine beliebige Kombination aus etwas sein, das sie besitzen (ein mobiles Gerät), etwas, das sie wissen (eine Einweg-TAN), etwas, das sie sind (ein Fingerabdruck) oder ein Ort, an dem sie sich aufhalten (Geolocation).

Geht man hinsichtlich Sicherheit noch einen Schritt weiter, könnte man durch die Integration biometrischer Merkmale (Gesichtserkennung und Fingerabdruck-Scans) oder der Analyse von Verhaltensmustern (z. B. Tastendruckdynamik) eine passwortlose Verifizierungslösung schaffen, die besonders sicher wäre, da sie das schwächste Glied in Sachen Sicherheit eliminieren würde: das Passwort. Beim Einloggen in E-Voting-Portale könnten die Wähler ihre nicht replizierbaren biometrischen Merkmale, die bereits auf ihren eigenen Geräten gespeichert sind, als Identitätsnachweis verwenden.

Wenn es richtig gemacht wird, kann E-Voting ein zugänglicheres, kostengünstigeres und fehlerfreieres Wahlsystem ermöglichen. Und wir können uns alle darauf einigen, dass sich unsere demokratischen Institutionen am besten schützen lassen, wenn mehr Menschen Zugang zu freien und sicheren Wahlen haben.